Der Blick auf die Zukunft ist jedoch nicht ungetrübt und bedarf der
Analyse. Nach über 20 Jahren sind die Komitees und die Hauptakteure in
Marktheidenfeld und Montfort sur Meu natürlich ein wenig in die Jahre gekommen.
Es fällt sehr schwer jungen Nachwuchs zu finden, der aus dem Stand Verantwortung
in diesem Ausmaß tragen will und kann. Da hat sich gesellschaftlich inzwischen etwas
verändert und in der polnischen Partnerstadt Pobiedziska sind solche
ehrenamtlichen Strukturen vorerst überhaupt noch nicht in Sicht.
Am Rande der Fahrt zur Verleihung der Ehrenfahne des Europarats nach
Montfort wurden viele Dinge offen angesprochen. Stadtrat Klaus Feder,
Vorstandsmitglied des Partnerschaftskomitees, sprach einen augenfälligen Wandel
an. Mag der Gedanke der Aussöhnung in Richtung Polen noch eine Rolle spielen,
so ist dieser in Richtung des westlichen Nachbarn heute für junge Menschen zur
Selbstverständlichkeit geworden. Junge Leute sind heute mobiler, mit
Fremdsprachen und Reisen vertraut. Um sich in der Welt umzusehen, brauchen sie
den Schutz einer organisierten Bürgerreise in aller Regel nicht.
Aus den Reihen des Komitees ist man sich dem Wohlwollen der neuen
Bürgermeisterin Helga Schmidt-Neder und der Stadt Marktheidenfeld sicher.
Dennoch vermisst man ein wenig, dass mehr Stadträte mitziehen und vielleicht
auch einmal mit in die Partnerstädte zum Kennenlernen reisen würden.
Eine feste Säule der Beziehungen ist der Schüleraustausch, der gut
funktioniert. Aber welche Rolle spielen diese Begegnungen in einer immer
leistungsorientierteren Schule der Zukunft, mit Lehrkräften, die oft nur wenig
mit Marktheidenfeld verwurzelt sind. Wie führt man die Schüler und deren
Familien über die punktuelle, einmalige Begegnung hinaus. Da zeigen sich
Fragen, wie auch bei den langsam schwindenden Begegnungen von Vereinen.
Langfristigkeit, die notwendig ist, um Begegnungen wirkungsvoll aus
europäischen Mitteln unterstützen zu können, ist dabei immer schwerer zu
erzielen.
Kurzum, diese und andere Fragen werden offenbar auch in Montfort sur
Meu aufgeworfen und deshalb hatte Bürgermeisterin Delphine David die Mitglieder
der Städtepartnerschaftskomitees und die kommunalen Mandatsträger am
vergangenen Samstag zu einer Gesprächsrunde ins Hôtel Communautaire eingeladen.
Grundgedanke dabei war, ob künftig die Qualität des Austauschs unter Nutzung
moderner Medien nicht die alleinige Quantität von Begegnungen ersetzen könnte.
Stellvertretende Bürgermeisterin Murielle Valbert, zuständig für
Kinder- und Jugendarbeit, stellte eine Projektidee vor. Mit Förderung der
europäischen Union könnten jugendliche Arbeitslose aus den drei Partnerstädten
mit Hilfe eines Volksbildungsvereins ein gemeinschaftliches Arbeitsprojekt im
Umweltbereich durchführen.
Dies sah der Vorsitzende des Marktheidenfelder Partnerschaftskomitees
Heribert Felbinger zwar als wünschenswert aber dennoch als organisatorisch zu
anspruchsvoll an. Er wünschte sich stattdessen eine Neuauflage des Projekts auf
trinationaler Ebene, das im Sommer mit Kindern und Jugendlichen aus den Reihen
des Bund Naturschutz und einer Gruppe um den Lehrer Leszek Pawlikoski aus
Pobiedziska an den masurischen Seen gelaufen war. Unter dem Thema Wasser
könnten solche Begegnungen grundsätzlich in allen Partnerstädten angeboten
werden. Vielleicht gelinge es damit auch, Freundschaften aus dem Schüleraustausch
auf freiwilliger Basis zu vertiefen. In Marktheidenfeld könne die städtische
Jugendarbeit ein solches Projekt vielleicht zusätzlich begleiten, da man schon
über Erfahrungen mit internationalen Workcamps verfüge.
Ireneusz Antkowiak, Zweiter Bürgermeister aus Pobiedziska, lud für das
kommende Jahr zu einem Kulturfestival in seine Stadt ein, dessen genaues
Programm allerdings noch nicht feststeht. Die individuelle Begegnung von
Kulturschaffenden aus den Partnerstädten könnte auch eine neue Dimension für
die Partnerschaft bedeuten.
Viel Resonanz fanden Denkanstöße, die Marktheidenfelds Bürgermeisterin
Helga Schmidt-Neder einführte. Gemeinsam mit ihrer französischen Amtskollegin
wünschte sie sich die forcierte Nutzung neuer Medien in der Partnerschaftsarbeit.
Außerdem könne sie sich in gewissem Umfang einen Austausch mit städtischen
Auszubildenden oder Angestellten vorstellen. Zu entdecken und entwickeln seien
die drei Partnerstädte im Übrigen als attraktive und preisgünstige
Urlaubsregionen für junge Familien.
(Text und Foto: Martin Harth)