Synagoge Urspringen
Die Jüdische Gemeinde in Urspringen
Urspringen war nur eine der ehemals zahlreichen
jüdischen Gemeinden des heutigen Landkreises Main-Spes sart. 1933
bestanden jüdische Gemeinden noch in Adelsberg, Arnstein, Burgsinn,
Gemünden, Heßdorf, Homburg, Karbach, Karlstadt, Laudenbach, Lohr, Marktheidenfeld, Mittelsinn, Rieneck, Thüngen, Urspringen und Wiesenfeld.
Im gemischtherrschaftlichen Urspringen (v. Castell,
Voite v. Rieneck, Kottwitz v. Aulenbach, v. Dalberg und v. Ingelheim)
sind jüdische Einwohner ab der Mitte des 16. Jahrhunderts nachgewiesen.
Sie lebten nach Sonderrecht und unter Schutz der Dorfherrschaft und
beeinflussten schon von ihrer Zahl her wesentlich das Leben der gesamten
Gemeinde. 1655 gab es zwölf jüdische Haushalte mit 45 Personen, 1740 14
Schutzjuden (zwölf unter dem Schutz der Castell, zwei unter dem Schutz
der Ingelheim). 1807 lebten 148 Juden in 33 Familien bzw. Haushalten,
1813 166 Juden (17,1 %) in Urspringen. Über 200 Personen und damit rund
20% der Gesamtbevölkerung betrug die jüdische Einwohnerschaft in
Urspringen zwischen 1820 und ca. 1870, trotz der um die Mitte des
Jahrhunderts starken Auswanderung in die USA (z. B. Heilner,
Mosenfelder, Freudenreich). 1933 hatte die jüdische Gemeinde 78
Mitglieder. Ab 1935 und vor allem mit Vorkommnissen ab September 1938
und besonders nach den schweren Ausschreitungen der Reichspogromnacht
nahm die Gemeinschaft stark ab. Im April 1942 wurden 42 jüdische
Einwohner von Urspringen aus deportiert. Sie stellten damit das größte
Kontingent einer jüdischen Gemeinde aus dem Gebiet des heutigen
Landkreises Main-Spessart. Weitere vier Urspringener Juden wurden 1942
von Würzburg aus in die Vernichtungslager verschleppt. Die Deportation
der Urspringener Juden 1942 - stellvertretend für die Juden der
Kreisgemeinden und aus Unterfranken - hat die von dem Darmstädter
Künstler Cornelis F. Hoogenboom gestaltete Türe der Synagoge zum Thema.
Wie jede jüdische Gemeinschaft einer gewissen Größe
besaß die Urspringener Judenschaft alle zum Kultus erforderlichen
Einrichtungen: eine Synagoge, die sogenannte Judenschule und die Mikwe,
das jüdische Ritualbad. Die Verstorbenen wurden auf dem nicht weit
entfernten Verbandsfriedhof in Laudenbach beerdigt.
Eine Synagoge ist ab 1702 belegt. Im
frühklassizistischen Stil wurde die Synagoge im Jahre 1803 an der Stelle
eines kleineren Fachwerkbaus des 17. Jahrhunderts in der Judengasse
bzw. dem Judenhof, wo sich jüdischer Besitz konzentrierte, errichtet.
Allem Anschein nach fanden beim Bau der Synagoge Steine aus dem 1802
abgebrochenen Teil des Urspringener Schlosses Verwendung.
Die 1932 renovierte Synagoge wurde am 10. November
1938 aufgebrochen und geschändet; jüdische Betstunden waren von da an
verboten. Die Ritualien konnten versteckt bis 1945 bewahrt werden; ihre
Spuren verlieren sich erst dann.
Neben Synagoge und Badehäuschen - 1826 in der
Quellenstraße neu errichtet - unterhielt die jüdische Kultusgemeinde,
die größte Kultusgemeinde im Altlandkreis Marktheidenfeld, zwischen
1829/30 und ca. 1916 in dem der Synagoge benachbarten Anwesen eine
eigene Volksschule. Besonderheiten sind die jüdische Gemeindebibliothek
und die Zweigstelle des Jüdischen Nationalfonds (Keren Kajemet le
Israel).
Die Urspringener Synagoge
Die Urspringener Synagoge als orthodoxe Landsynagoge
war innen vor 1860 ganz auf die Bima (Almemor), das Podest mit dem
Vorlesepult in der Mitte des Raumes, und damit auf die Anwesenheit und
Lesung der Tora, der Heiligen Schriftrollen, als Zentrum jüdischen
Lebens und Gottesdienstes ausgerichtet.
Die Männer folgten dem Verlauf des Gottesdienstes
und der Verlesung der Tora von mobilen Stehpulten aus, die entlang der
Wände standen. Die Frauen beteten beim Gottesdienst, von den Männern
abgesondert, auf der Frauenempore, die durch einen besonderen Eingang
betreten wurde.
1860 wurden der Aufgang zum
Toraschrein und die ursprüngliche Sitzordnung aus Platzgründen
verändert. Damit erhielt der Raum eine kirchenschiff-ähnliche
Ausrichtung auf den Toraschrein an der Südost-Wand (Richtung Jerusalem),
dem Aufbewahrungsort für die heiligen Schriftrollen. Aus ihnen wurde
beim Gottesdienst von einem hölzernen Schrägpult aus vorgelesen, das
sich auf dem die Raummitte beherrschenden Sandsteinpodest befand. Der
Schrein zeigt unübersehbar die Spuren der gewaltsamen Zerstörung. Die
Wandnische, die mit einer Holztäfelung verkleidet und mit einer Tür
verschlossen war und die Heiligen Schriftrollen barg, ist nur noch im
baulichen Rohzustand erhalten. Das ewige Licht und der Vorhang vor dem
Schrein sind zerstört bzw. verschollen.
Links vom Haupteingang befand
sich ein Wasserbecken für die rituelle Handwaschung vor dem
Gottesdienst. In die Sandsteinbrüstung des Aufgangs zum Toraschrein und
in das an den Wänden umlaufende Sandsteingesims waren eiserne Dornen für
die Kerzen eingelassen, die man zum Todestag eines Verwandten
(Jahrzeit) und am Versöhnungstag (Jom Kippur), zum Gedenken an die
Verstorbenen, sowie am achttägigen Tempelweihe- oder Lichterfest
»Chanukka« entzündete.
An der Südwestwand außen ist der Hochzeitsstein (Chuppastein) angebracht.
(Fotos: Ernst Hanel)
Um rituelle Gegenstände dem unbefugten Zugriff der
nichtjüdischen Umwelt zu entziehen, wurden diese häufig als Geniza auf
den Dachböden der Synagogen und Lehrhäuser verborgen. Der Urspringener
Geniza, bei der Vorbereitung der Sanierung 1988 im Dachraum aufgefunden,
verdanken wir wichtige Kenntnisse vom früheren Leben der Urspringener
Juden. Die auf der Frauenempore aufgebaute Geniza-Ausstellung stellt
daher in ausgewählten Objekten das Leben in einer orthodoxen
Landgemeinde vor.
Besichtigungstermine
Die 1989-1991 renovierte Synagoge in der
Urspringener Judengasse bezeugt nicht nur die Bedeutung der Jüdischen
Gemeinde am Ort, sondern hat wegen ihres guten Erhaltungszustands und
der zentralen Lage von Urspringen im Landkreis die Aufgabe übernommen,
die Erinnerung an alle jüdischen Gemeinden im Landkreis und an die
verschleppten und getöteten jüdischen Bürger des Landkreises zu sichern
und zugleich in die jüdischer Kultur einzuführen.
Die Synagoge ist vom ersten Sonntag im Mai bis zum letzten Sonntag im Sept. jeweils von 15.00 h bis 17.00 h geöffnet.
Für Gruppen können Besichtigungstermine über die Gemeinde Urspringen (Tel. 09396/ 385) vereinbart werden.
Der Förderkreis Synagoge Urspringen
Der 1990 mit tatkräftiger Unterstützung der
Historischen Vereine von Gemünden, Karlstadt, Lohr und Marktheidenfeld
gegründete Förderkreis Synagoge Urspringen hat die Betreuung der
Synagoge und der Ausstellung übernommen. Mit Sonderausstellungen,
Vorträgen und Veröffentlichungen will er zugleich anregen zur
Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und Kultur als Jahrhunderte
langem festen Bestandteil der Geschichte Unterfrankens und des
Landkreises Main-Spessart.
Der Förderkreis freut sich über Ihren Besuch in
Urspringen und Ihr Interesse an jüdischer Kultur in Franken; freuen
würde er sich auch über Ihre Unterstützung.
Auf unsere Veranstaltungen und besonders auf unsere Veröffentlichungen dürfen wir Sie hinweisen.
1. Vorsitzender: Dr. Leonhard Scherg, Marktheidenfeld
2. Vorsitzender: Martin Wagner, Erlenbach